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Dampfen statt Rauchen: Die Verhinderung einer Revolution

Beda Stadler – Während mehr als 45 Jahren war ich begeisterter Ketten-Raucher. Seit über zwei Jahren bin ich nun „Dampfer“ und habe keine einzige Zigarette mehr geschmaucht. Als frisch emeritierter Professor will man einiges nachholen, wofür man nun endlich Zeit hat. „Gefährliche E-Zigaretten zu kaufen“ stand schon eine Weile auf dem Programm, einfach aus Gwunder und weil mich alles reizt, was gemeinhin verteufelt wird.

E-Zigaretten muss man suchen, es gibt kaum Werbung dafür. In meinem Umfeld gab es keine Dampfer, wohl aber viele, die bereits genauestens über die Gefahren der E-Zigaretten informiert waren. In einem Tabakladen wurde ich fündig. Ein Ort an dem die Dampfgeräte nicht verkauft werden sollten! Die Beratung war freundlich aber unbrauchbar und man hat mir ein teures Starterset angedreht. Falls ich Liquids, so nennt man die Flüssigkeiten welche verdampft werden, mit Nikotin wolle, müsse ich diese im Ausland bestellen. Dezent erhielt ich eine Internetadresse, damit der Schweizer Händler trotz Verbot beim Bestellen ein paar Rappen mitverdienen kann.

Die ersten Lungenzüge waren angenehm. Es gibt hunderte von Aromen, von Anis bis Zimt. Raucher haben meist einen Graus vor Karamell, Ristretto, Waldmeister, Frucht-Bonbons, Johannisbeere, Banane oder Vanille und kaufen Tabakaromen. Mir erging es ebenso. Obwohl mein Tabakkonsum etwas nachliess, war kein Aroma ein ernst zu nehmender Ersatz für die geliebte Zigarette.

Bevor ich das Verdampfer-Set wegschmiss, wollte ich doch noch die in der Schweiz verbotenen Liquids mit Nikotin bestellen. Ich tat dies schweren Herzens, schliesslich ermahnt uns der Bundesrat ständig, nicht im nahen Ausland einzukaufen. Bis die giftigen Liquids eintrafen, hatte ich nun Zeit mich zu informieren. Auf Youtube wurde ich fündig und war erstaunt wie harmlos E-Zigaretten sein sollen. Unter den Dampfern gibt es sogar Schweizer Youtube Stars. Rein optisch, machten die Dampfer einen gesunden Eindruck, sogar die amerikanischen Wettkampf-Dampfer, die versuchen mit selbst gebauten Verdampfern möglichst grosse Dampfwolken zu erzeugen.

Die Liquids bestehen hauptsächlich aus Propylenglykol und Glycerin. Ein Akku liefert den Strom damit ein Heizwendel diese beiden Stoffe in Wasser und CO2 verwandelt. Der Rauch der E-Zigarette ist also Wasserdampf, sozusagen Nebel, etwas weniger warm als der Dampf in der Sauna. Propylenglykol ist ein Lebensmittelzusatzstoff und trägt die Bezeichnung E 1520. Partygänger atmen den Stoff seit Jahren als künstlicher Nebel ein. Als Feuchthaltemittel kommt Propylenglykol in Hautcremes, Zahnpasta und Deos vor aber auch als Futterzusatz für Milchkühe. Glycerin ist in allen natürlichen Fetten und Ölen vorhanden und trägt das Kürzel E 422. Man findet es in zahllosen Produkten für den Haushalt, die Kosmetik, ja sogar als Futtermittel oder Abführmittel. Ist also ein echter Alleskönner. Die beigefügten Aromastoffe sind längst unser täglich Brot und als Duftmittel oder Nahrungsmittelzusatz milliardenfach getestet. Die E-Zigis sind also eine Art schnelle Verdunster in denen nichts verbrannt wird. Bis hier konnte ich keine Gefahren ausmachen und die Dampfzutaten werden weltweit als harmlos eingestuft. Bei uns sind sie Teil des Lebensmittelgesetzes. Dort sollten sie auch bleiben.

Nikotin ist leider nicht im Lebensmittelgesetz, obwohl man mit jeder Tomate oder Aubergine etwas Nikotin schluckt. Nikotin gilt als Droge und ist in hoher Konzentration ein Nervengift. Pflanzen brauchen es als Insektizid. So war ich nicht erstaunt, dass die kleinen 10 ml Fläschchen der endlich eingetroffenen Liquids mit einem grossen EU-Gift-Kleber und kindersicherem Verschluss versehen waren. Die Herstellerindustrie hat sich übrigens geeinigt nur Dampferlösungen bis maximal 20 Milligramm pro Milliliter in den Umlauf zu bringen. Gesundheitsapostel warnen trotzdem inbrünstig vor Hautkontakt und empfehlen gleichzeitig Nikotinpflaster bis zu 52 mg oder Kaugummis mit 4 mg Nikotin als Ersatztherapie. Wie gefährlich Nikotin eigentlich ist, weiss man nicht. Sicher ist, ein Erwachsener kann ein Liquid Fläschchen trinken ohne daran zu sterben. Obwohl viele nikotinhaltige Produkte seit Jahrzehnten erhältlich sind, wurden durch das Statistische Bundesamt in Deutschland keine Todesfälle durch Nikotinvergiftung aufgezeichnet. Das kann man von anderen Haushaltgegenständen, etwa Rasierklingen oder Seife, nicht behaupten. Unser BAG meint: „Werden nikotinhaltige Nachfüllflüssigkeiten unsachgemäss behandelt oder inhaliert, besteht zudem die Gefahr von Vergiftungen, die im schlimmsten Fall zum Tod führen können.“ Nun, das ist nicht das erste Mal, dass mich unser BAG leicht irritiert.

Für jene die am Leben Spass haben wollen, jetzt die guten News: Die Wissenschaft ist sich einig, Nikotin zeigt, über viele Jahre in niedrigen Dosen eingenommen, nur geringe chronische Schädigungen des Organismus. Nikotin ist zudem nicht krebserregend, was man für einmal der Internationalen Agentur für Krebsforschung der WHO glauben darf. In niedrigen Dosen hat Nikotin sogar einen stimulierenden Effekt. Man spürt diesen „Flash“ übrigens beim Dampfen besser als beim Rauchen. Dass Nikotin abhängig machen kann, wissen die Raucher, darum geht es nicht. Umsteigewillige Raucher suchen eine Alternative, nicht ein Strafe. Ein Tabak-Ersatz in dem bloss noch ein einziger Bösewicht, das Nikotin, steckt, erleichtert das schlechte Gewissen massiv.

Umsteigewillige Raucher werden aber verunsichert durch alarmistische Medien Berichte. So titelte kürzlich der Kassensturz, das Konsumentenmagazin des Schweizer Fernsehens: „E-Zigaretten im Test: So gefährlich sind sie wirklich.“ Getestet wurden zehn verschiedene Liquids von verschiedenen Herstellern, alle Nikotin enthaltend. Herausgekommen ist, was man schon längst weiss: Die heutigen Nachweismethoden für krebserregende Substanzen sind derart empfindlich, dass man selbst im Dampf ein paar krebserregende Substanzen finden kann. Der Kassensturz bestätigte, dass im E-Dampf im Vergleich zu einer Zigarette mehr als 1000 mal weniger Acetaldehyd gefunden wird. Verschwiegen wurde allerdings das E-Dampf-ähnliche Konzentrationen an Acetaldehyd auch in der normalen Atemluft von Nichtrauchen zu finden sind. Michael Arand, Toxikologe an der Universität Zürich, wagte als beigezogener Giftstoffexperte trotzdem eine nüchterne Aussage: „Im direkten Vergleich würd ich sagen, bei normalem Konsum ist die E-Zigarette mit grosser Wahrscheinlichkeit wesentlich weniger gesundheitsgefährdend als die Tabakzigarette.“ Und dann, als ob ihn den Mut verlassen hätte: „Ich würde aber auf jeden Fall raten, weder zu dampfen noch rauchen.“

Den Beitrag hätte man sich somit sparen und dafür die wissenschaftliche Literatur studieren können. Da ist man sich einig: Rauchen ist ein echtes Gesundheitsrisiko, was man beim besten Willen vom Dampfen nicht behaupten kann. Nachdem ich nach kurzer Literatursuche mehr als hundert Arbeiten über E-Zigaretten gefunden hatte, macht mich das Argument, es gäbe noch fast keine Daten doch etwas nervös. Was lesen Menschen eigentlich die solche Behauptungen aufstellen? Die Forscher Peter Hajek und Kollegen, alle aus renommierten englischen und amerikanischen Universitäten, kamen 2014 einem Übersichtsarbeit in der Zeitschrift Addiction zum Schluss: „Einige der toxischen Stoffe aus dem Tabakrauch können, in wesentlich geringeren Mengen, auch in dem Dampf von E-Zigaretten enthalten sein. Die gesundheitlichen Langzeiteffekte des Konsums von E-Zigaretten sind unbekannt aber wenn man E-Zigaretten mit Tabakzigaretten vergleicht, sind E-Zigaretten voraussichtlich viel weniger, wenn überhaupt, schädlich für Konsumenten oder Dritte.“ Umso erstaunlicher ist es, dass sich unsere Regulatoren trotzdem noch immer um Passivdampf sorgen.

Die schweizerische Bundesbahn, die Deutsche Bundesbahn ja selbst Amtrak haben voreilig die E-Zigaretten in den Zügen verboten, obwohl es wissenschaftliche Studien gibt, die belegen, dass die Luft in Grossstädten ungesünder ist, als sich im selben Raum mit einem E-Zigaretten-Dampfer aufzuhalten. Wer sich über diese letzte Aussage ärgert, sollte wirklich mal versuchen, selber eine Literaturrecherche zu machen. Die Begründung weshalb man in der SBB mich dampfen darf, ist allerdings hanebüchen. Roger Baumann, Sprecher des Verbandes öffentlicher Verkehr, behauptete im Schweizer Radio, für Zugbegleiter sei es nicht kontrollierbar, ob jemand eine herkömmliche Zigarette oder eine E-Zigarette rauche. Erstaunlich für wie blöd man seine Zugsbegleiter öffentlich abstempeln darf!

Der Zug scheint also abgefahren, die Meinungen gemacht. Umso unterhaltender ist es nachzuforschen, wie unsere Bundesbeamten zu ihren Erkenntnissen über E- Zigaretten gelangen. Der Bundesrat ernannte 1998 eine Eidgenössische Kommission für Tabakprävention (EKTP) um sich beraten zu lassen. Es sind dies Experten aus verschiedenen Kreisen, die sich für die Tabakprävention einsetzen und von der Tabakindustrie unabhängig sind. Da Dampfen nur so aussieht wie Rauchen, ist die EKTP eigentlich das falsche Expertengremium um irgendjemandem über Dampf zu beraten. Die einzige Gemeinsamkeit zu Tabak ist das Nikotin, doch das kommt in vielen Nachtschattengewächsen vor. Gärtner, Bademeister von türkischen Bädern, oder Disco Betreiber sucht man vergeblich unter den Experten. Verständlich dass die EKTP in Ermangelung von Fachkenntnissen eine externe Studie in Auftrag gab: Die Swiss VAP Study, durchgeführt vom Vizepräsidenten der Kommission.

Es wurden 113 Experten angefragt an dieser Studie teilzunehmen. Da bloss vierzig Experten bereit waren mitzumachen, muss man Verständnis haben, dass fünf Mitglieder der EKTP ebenfalls teilnahmen. Angefragt wurden ohnehin nur Menschen die bereits Teil der Anti-Tabak Lobby waren oder in irgendeiner Form am staatlichen Finanztopf hängen. Mit der Delphi Methode wurden die Meinungen der Experten eruiert. Es wurde also zu keinem Zeitpunkt auch nur die geringste Anstrengung unternommen irgendwelche Fakten zu sammeln. In vier Runden mussten on-line Fragen mit einer Skala von 1-10 beantwortet werden. Fiel der Mittelwert zwischen 1-3 war die Frage weg, zwischen 8-10 wurde die Meinung zum Fakt! Glücklicherweise ergab sich kein Konsens darüber, ob die Nikotinabhängigkeit zur moralischen Frage erklärt werden soll. Diese Frage alleine zeigt allerdings, dass es hier um Meinungen vom moralisch und nicht wissenschaftlich hoch stehenden Experten ging.

Die Swiss VAP Study wurde von der EKTP abgeschrieben und ist seit dem 1. Mai deren offizielle Stellungnahme. Die betroffenen Behörden haben sich die Aussagen dankend einverleibt. Der Bericht ist eine Zusammenstellung von Vorurteilen enthielt übrigens auch die Empfehlung, dass E-Zigaretten gleich wie Tabak besteuert werden sollten, damit ja der Geldfluss für die eigene Forschung nicht zum erliegen kommt. Glücklicherweise hat das Parlament die Befreiung der E-Zigaretten von der Tabaksteuer beschlossen. Wenigstens ist ein neues Tabakgesetz am Horizont worin die E-Zigaretten reguliert werden sollen. Dies bedeutet, dass man vielleicht auch in der Schweiz in ein bis zwei Jahren nikotinhaltige Liquids kaufen kann. Falls ein Staat sich schämen könnte, wäre es sicher auch schneller gegangen.

Wie dem auch sei, die E-Zigarette ist ein Paradestück für die Bevormundung des Bürgers. Die Gesetze sind nicht für den Bürger da, sondern wir müssen uns unter Androhung von Strafe alten, unsinnigen Gesetzen beugen. Rationale Argumente benötigt der Staat nicht. Gebetsmühlenartig werden Behauptungen weiter kolportiert. Etwa: Erstens, die Datenlage ist noch schwach. Dabei gibt es Übersichtsartikel die über 300 wissenschaftliche Arbeiten miteinbeziehen. Zweitens, es gibt keine Langzeiterfahrungen oder Studien. Eine ziemlich freche Behauptung, hatten doch schon die Römer Dampfbäder, oder bedenkt man dass die geplanten Gesetze für eine lange Zeit eine unbefriedigende Situation einfrieren werden. Drittens, E-Zigis sind nicht geeignet um von der Zigarette loszukommen. Damit werden tausende von ehemaligen Rauchern, die jetzt glücklich dampfen, persönlich beleidigt. Viertens, die Zigarette sei quasi die Einstiegsdroge für Jugendliche um später zu rauchen. Solche Studien gibt es nicht. Um eine Bedenklichkeit nachzuweisen, sind anscheinend keine Studien notwendig. Fünftens, die grösste Gefahr des Dampfens bestünde darin, dass es das Rauchen wieder salonfähig macht. Entlarvender kann ein Argument nicht sein. Dampfen macht nämlich echt Spass. Es könnte ja sein, dass dadurch wieder gesellige Situationen entstehen, wie damals, als man nach dem Essen eine Zigarre rauchte. Fast alles was uns Spass macht, wird vom Staat besteuert. Da die Steuern vom Tisch sind, will er uns wenigsten nun den Spass vermiesen.

Damit wären wir bei den Verschwörungstheorien die rund um die Zigarette gedeihen. Etwa: Die staatliche Verhinderungstaktik zielte einzig und alleine auf die verloren gehenden Tabaksteuern. Ein Staat der so skrupellos ist, gleichzeitig den Tabakanbau zu subventionieren, dem dürfe man so etwas zutrauen. Oder: Die Tabakindustrie verharmlose die in E-Zigaretten, weil sie um ihren Markt bange. Fakt ist allerdings, dass das Dampfen in Amerika erfunden und patentiert wurde, aber kein Tabakriese Interesse daran zeigte. Es war ein Chinese der quasi im Alleingang diese Geschäftsidee verwirklichte. Viele Dampfer sehen es deshalb nicht gerne, dass nun die grossen Tabakfirmen auch auf das E-Zigarettengeschäft aufspringen. Gerade in Europa gibt es nämlich ein innovatives neues Geschäftsfeld, das von KMUs und online Firmen besetzt wurde. Man fürchtet sich also nicht nur vor der Konkurrenz, sondern vor allem auch vor dem schlechten Image der Tabakindustrie.

Das Dampfen wird sich trotz allen Widrigkeiten durchsetzen. Die Medizin wird die Methode gebrauchen um Medikamente zu verabreichen. In Amerika werden bereits heute Liquids mit THC medizinisch verschrieben. Vielleicht werden bei der anstehenden Legalisierung von Marihuana die Verdampfer vorgeschrieben und dann salonfähig. Sobald die Verdampfer etwas praktischer geworden sind und beim Grossverteiler zwischen dem Biogemüse und den Rasierklingen in die Regale kommen, werden die Raucher scharenweise umsteigen. Dampfen schmeckt nämlich besser als Rauchen, der Dampf beisst weder in Lunge noch in Augen.

Für einen ehemaligen Raucher zählen aber ganz andere Gründe. Ich bin nach bloss drei Wochen bereits meinen Raucherhusten los. Unsere Wohnung stinkt nicht mehr nach Rauch und ich darf bei Freunden nach dem Essen am Tisch dampfen. Aus lauter Solidarität gehe ich trotzdem noch ab und zu mit dem Rauchen vor die Tür, einfach weil sie meist die netteren Menschen sind. Am meisten freut es allerdings meine Frau. Sie vermag meinen Wasserdampf nicht mal zu riechen und wenn überhaupt, sind es frische Aromen die das gemeinsame wohnen gemütlicher machen. Ich hätte allerdings nie geglaubt, je mit dem Rauchen aufzuhören! Dampf sei Dank. Jetzt muss ich mich entscheiden, ob die nächsten Dampfstösse eher nach Erdbeer-Menthol oder doch lieber nach süssem Virginia Tabak mit etwas Whisky duften soll.