thomas aus der au

Pelze made in Switzerland

„Pelztragen ist Gewissensfrage“ und ist heutzutage politisch unkorrekt. Kaum jemand wagt es hierzulande, einen Pelzmantel zu tragen. Trotzdem sieht man in der Wintersaison Pelz und Fell, wohin man blickt: Vor allem Kapuzenverbrämungen an Parkas sind „in“, aber auch Accessoires wie Anhänger, Ohrenschützer oder Ärmelstulpen. Zweifel kommen auf: Woher stam men die Tiere, und nach welchen Tierschutzbestimmungen werden diese unzähligen Pelze gewonnen? Wir fragten bei Thomas aus der Au, eidg. dipl. Kürschnermeister, nach.

Forum: Soeben hat Norwegen Pelztier-Farmen verboten; die Nachfrage ist aber ungebrochen. Wird das Problem nicht einfach in andere, vor allem aussereuropäische Länder verlagert, ganz im Sinn von „Was ich nicht weiss, macht mich nicht heiss“?

Thomas aus der Au: Dieses Problem wurde bereits vor über dreissig Jahren vom Finnischen Tierschutz erkannt und entsprechend behandelt. Lieber wollte man schon damals in Europa regulierte und überwachte Farmen als irgendwo auf der Welt. Nebst anderen EU-Ländern sind Dänemark für Nerz und Finnland für Füchse die beiden weltweit bedeutendsten Lieferanten.

Forum: Pelze aus der Schweiz – ist dies eine Option? Kann der Bedarf mit heimischen Tierfellen gedeckt werden? Gib es hierzulande Tiere, die sich für die Fellverarbeitung eignen?

Thomas aus der Au: Ja sicher, vor allem Felle der Rotfüchse, aber auch der Steinmarder, die bei uns zur Bestandesregulierung bejagt werden, eignen sich für jede Art der Pelzbekleidung: vom Kragen über Gilet und Innenfutter bis zum Mantel. Von den rund 30’000 Füchsen aus dieser Jagd werden leider nur rund zehn Prozent genutzt, dieser Anteil könnte wesentlich grösser sein. Kaninchen werden bei uns vor allem für Fleischgewinnung und Ausstellungen gehalten. Auch diese Felle könnten noch wesentlich häufiger genutzt werden.

Forum: Gibt es auch bei uns Pelzfarmen, wie wir sie aus nordischen Ländern (z.B. Dänemark) kennen? Sind die Bedingungen und Kontrollen in der Schweiz schörfer, und wie werden die Tiere gehalten?

Thomas aus der Au: In der Schweiz gibt es seit Ende der 50er-Jahre keine Pelzfarmen mehr. Die wirtschaftliche Basis war dazu nicht mehr gegeben. Insbesondere die skandinavischen Länder mit einer starken Fischerei haben mit den entsprechenden Verarbeitungs-Abfällen eine gute Grundlage zur Futtermittel-Herstellung für Nerze und Füchse. Auch weil kein entsprechender Bedarf vorhanden ist, fehlt in der Schweiz eine gesetzliche Grundlage. In der EU werden auf Farmen gehaltene Nerze und Polarfüchse als Nutztiere (forma domestica) anerkannt, und in den Ländern mit Pelztierfarmen werden diese entsprechend gesetzlich geregelt.

Forum: Worauf soll der aufmerksame Konsument achten, wenn er ein Produkt aus Fell erstehen will? Gibt es ein Gütesiegel oder eine Deklarationspflicht? Und welche Qualitätsmerkmale helfen dem Laien beim Erkennen eines „gesunden“ Pelzes?

Thomas aus der Au: Erste Wahl für Nachhaltigkeit sind sicher Schweizer Felle. Aber auch andere Tierarten werden zur Bestandesregulierung bejagt, so auch Kojoten, Bisam, Waschbären und weitere in Kanada und den USA. Auch bei diesen Fellen ist die Alternative „nutzen oder vernichten“, bejagt werden die Tiere ohnehin. Letzteres betreibt übrigens Holland sehr konsequent: zur Sicherung der Flussufer werden jedes Jahr rund 500’000 Bisam erlegt. Um gar keine Diskussion über Pelznutzung aufkommen zu lassen, werden alle Tiere stillschweigend „entsorgt“.Alle in der Schweiz verkauften Pelze müssen gemäss Bundes-Verordnung deklariert sein: wissenschaftlicher Name in einer Landessprache sowie lateinisch, dann die geographische Herkunft (Land) und die Gewinnungsart: ob aus Jagd, Farmhaltung oder Herdenhaltung.

Forum: Als Kürschner haben Sie ein ureigenes Interesse daran, dass Pelztragen nicht ausschliesslich negativ besetzt ist. Mit welchen Argumenten beseitigen Sie allfällige Zweifel?

Thomas aus der Au: Pelz ist ein faszinierendes und lange haltbares Naturprodukt, das sich auf vielfältigste handwerkliche Weise zu Bekleidung gestalten lässt. Vom Standpunkt des Umweltschutzes sicher wesentlich sinnvoller als erdölbasierte, mit viel Energie hergestellte synthetische Ersatzprodukte. Vor allem wenn man bedenkt, wie viele Felle wegen einer aus meiner Sicht falsch ausgelegten „Ethik“ ungenutzt vernichtet werden. Die Auswahl an Tierarten, die für Pelze genutzt werden können, ist gross; und je nach eigenem Hintergrund kann man wählen, was der eigenen Überzeugung entspricht – und was nicht.

Forum: Und „im Falle, dass“, wie pflege ich meinen Pelzmantel, meine Accessoires, richtig?

Thomas aus der Au: Wie für die meisten Naturprodukte ist auch für Pelz eine möglichst natürliche Pflege am besten. Wenn der Pelz feucht oder gar nass geworden ist: kurz ausschütteln und an einem ausgeglichenem Ort (nicht über der Heizung!) am Bügel trocknen lassen. Für eine Reinigung ab und zu ist das Fachgeschäft der richtige Ort. Die Aufbewahrung bei Nichtgebrauch im Sommer bietet ebenfalls das Fachgeschäft, ansonsten an einem kühlen, wenig feuchten Ort locker am Bügel aufhängen.

Forum: Welchen Rat geben Sie jemandem, der sich für das Kürschnerhandwerk interessiert? Hat dieser Beruf überhaupt noch Zukunftschancen?

Thomas aus der Au: Zunächst freue ich mich über jedes Interesse an unserem Handwerk. Allerdings wird die Zukunft für alle herstellenden Handwerker, besonders in der Bekleidung, nicht einfacher. Vermutlich kommen über 99% der in der Schweiz verkauften Bekleidung im Textilbereich aus dem Ausland, zum überwiegenden Teil aus Billiglohnländern in Asien. In Kombination mit Textilien ist es bei Pelz sicherä’hnlich. Doch in der individuellen Gestaltung liegt die Stärke des einheimischen Handwerks und ist da auch konkurrenzfähig. Mit gutem handwerklichem Geschick und fundierter Beratung ist auch eine Herstellung in der Schweiz möglich – und aus meiner Sicht sinnvoll, nicht nur in unserem Handwerk. Dazu gehören auch Umarbeiten und modische Neugestaltungen, die selbst bei lange getragenen Pelzen oft noch sinnvoll sind, sowie alle Dienstleistungen wie Reparaturen, Reinigungen und Sommer-Aufbewahrung.

Forum: Vielen Dank für das Gespräch.

Kontakt:

Thomas aus der Au
eidg. dipl. Kürschnermeister Birmensdorferstrasse 315
8055 Zürich
Tel.: 041 44 463 47 45
e-Mail: thomas.ausderau@bluewin.ch

Das Interview wurde geführt von Babette Sigg, kf-Präsidentin