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Referenzpreise bei Medikamenten

Es überrascht nicht: Bei der Erhebung der Umfrage „Pulsmesser 2018 – Sorgen von morgen“ gaben über 94% der Befragten an, dass ihnen die steigenden Preise bei Krankenkassenprämien und Medikamenten zunehmend Sorge bereiten. Wie viele Dinge unserer Gesellschaft befindet sich auch das Gesundheitswesen im Umbruch: Sei es im Zuge der Digitalisierung, welche uns das elektronische Patientendossier bringen wird oder aus Spargründen, weil  einige Prozesse im Gesundheitswesen schlicht zu teuer werden. Ein viel diskutiertes Thema sind u.a. Referenzpreise bei Medikamenten und Generika im Speziellen. Wir haben zwei Experten mit gegenteiliger Meinung interviewt.

Um die Problematik rund um die Referenzpreise besser begreifen zu können, haben wir uns mit mehreren Interessenvertretern ausgetauscht. Dr. Andreas Schiesser, Leiter Tarife bei curafutura*, möchte, genau wie der Bundesrat, Höchstpreise bei Generika festsetzen, die nur noch von den Krankenversicherungen erstattet werden sollen. Das Interview dazu finden Sie weiter unten. Eine gegenteilige Meinung zu Referenzpreisen bei Generika nimmt Dr. Axel Müller, Geschäftsführer von Intergenerika, ein. Das Interview mit Dr. Müller finden Sie hier.Bildschirmfoto 2018-08-16 um 14.08.53

Forum: Herr Schiesser, der Bundesrat möchte, genau wie Sie, Höchstpreise bei Generika festsetzen, die nur noch von den Krankenversicherungen erstattet werden sollen. Was bedeutet das für die Konsumenten?

Dr. Andreas Schiesser: 94% der Konsumentinnen und Konsumenten sind besorgt über die Preisentwicklung der Krankenversicherungsprämien und der Medikamente. Das wissen wir durch den Pulsmesser des Schweizerischen Konsumentenforums. Die Mehrheit der Konsumentinnen und Konsumenten sieht also grossen Handlungsbedarf. Auch der Bundesrat hat diesen erkannt und kürzlich ein Programm mit 38 Massnahmen verabschiedet. Die Kosten im Gesundheitswesen sollen damit gedämpft werden und somit auch das Wachstum der Krankenversicherungsprämien. Wichtiger Teil des ersten Massnahmenpakets ist das Referenzpreissystem bei patentabgelaufenen Arzneimitteln. Für die Konsumentinnen und Konsumenten bedeutet dies, dass sie bei der Einlösung des vom Arzt ausgestellten Rezepts einen langjährig bewährten und von der Krankenkasse vergüteten Wirkstoff erhalten. Dessen medizinische Wirkung ist mit demjenigen des Originalpräparats identisch. Patientinnen und Patienten sollen faire Preise für gleichbleibend gute Qualität bezahlen. Die Preisunterschiede im patentabgelaufenen Bereich der Medikamente im Vergleich zum Ausland sind enorm. Im internationalen Vergleich ist der Generikaanteil in der Schweiz gering. Auch deshalb ist die Einführung einer Referenzpreissystems in der Schweiz der richtige Schritt.

Forum: Was spricht noch für die Einführung von Referenzpreisen?

Dr. Andreas Schiesser: Der Gesetzgeber sieht vor, eine qualitativ hochstehende Versorgung zu möglichst günstigen Kosten anzubieten. Die Einführung von Referenzpreisen ist deshalb sinnvoll, weil bei einem Generikum Wirksamkeit und Zweckmässigkeit gleich gut sind wie bei einem Originalpräparat. Warum sollten in einer sozialen Krankenversicherung die Prämienzahler mehr bezahlen als nötig? Dies, notabene, für die genau gleiche Leistung. Mit der Einführung des Referenzpreissystems wird die Verwendung günstigerer Generika gefördert.

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Forum: In gewissen Fällen haben Patienten Jahre gebraucht, um das richtige Medikament zu finden – müssen diese Leute nun die Preisdifferenz zwischen dem vertrauten Medikamenten und der billigsten Alternative bezahlen?

Dr. Andreas Schiesser: Besteht die medizinische Notwendigkeit, ein Originalmedikament oder ein anderes Medikament mit dem gleichen Wirkstoff einzusetzen, weil z.B. eine Allergie gegen einen Hilfsstoff vorhanden ist, kann der Arzt dies auf dem Rezept vermerken. Die Krankenversicherung übernimmt dann selbstverständlich die entsprechenden Kosten und der Patient ist von einer Zuzahlung befreit.

Forum: Lassen sich durch die Referenzpreise die Krankenversicherungsprämien senken?

Dr. Andreas Schiesser: Das Referenzpreissystem hat allerdings eine stark kostendämpfende Wirkung auf die Ausgaben und damit auf die Prämienentwicklung. Es ist vor dem Hintergrund der regelmässig stattfindenden Mengen- ausweitung nicht zu erwarten, dass einzig durch die Einführung des Referenzpreissystems die Prämien sinken werden. Das Referenzpreissystem ist aber ein äusserst wichtiger Baustein auf dem Weg zu sich stabilisierenden Gesundheitskosten. Wenn die vom Preisüberwacher vorgeschlagenen Begleitmassnahmen konsequent umgesetzt werden, sind laut Preisüberwacher sogar Einsparungen in der Grössenordnung von 800 Millionen Franken zu erwarten. Dies entspricht einer jährlichen Einsparung von rund 100 Franken pro Versicherten oder rund 8 Franken pro Monat.

Forum: Behalten die Konsumenten bei einem Referenzpreissystem den Überblick? Oder entsteht mit der Einführung ein neuer “Dschungel“ für die Konsumenten?
Dr. Andreas Schiesser: Für die Konsumentinnen und Konsumenten ändert sich nichts. Der verschreibende Arzt bestimmt wie bisher die für die Therapie notwendigen Medikamente. Es geht beim Referenzpreissystem also lediglich um die Preisfestlegung und die Vergütungshöhe von austauschbaren, rezeptpflichtigen Medikamenten. Der verschreibende Arzt legt fest, welcher Wirkstoff eingesetzt wird. Der Patient erhält sein Medikament mit dem Referenzpreis entweder beim Arzt direkt oder bezieht es in der Apotheke. Der Ablauf bleibt derselbe wie heute. Nach wie vor sind Ärzte und Apotheker für eine sichere und qualitativ hochstehende Behandlung der Patientinnen und Patienten verantwortlich. Und haben folglich mit ihrer Information der Patienten auch entscheidenden Einfluss auf deren Therapietreue.Forum: Wie sieht es mit der Versorgungssicherheit aus? Die Gegner sind der Meinung, dass sich die Lieferengpässe bei gewissen Medikamenten weiter verschärfen werden.

Dr. Andreas Schiesser: Die Versorgungssicherheit wird durch die Einführung eines Referenzpreissystems nicht beeinträchtigt. Wäre dem so, hätten die über 20 europäischen Länder, die das System bereits kennen, dieses längst wieder abgeschafft. Gegner des Referenzpreissystems behaupten, dass dieses zu erheblichen Lieferengpässen führen würde, weil das Preisniveau zu tief wäre. Dies trift nicht zu. Denn die Schweiz erlebt mit dem höchsten Generika-Preisniveau – und bisher ohne Referenzpreissystem – identische Lieferengpässe wie Länder in Europa mit tiefen Generika-Preisen. Dies zeigt, dass die Versorgungsengpässe nicht preisabhängig sind.

Forum: Gibt es Erfahrungen aus dem Ausland mit Refe-renzpreisen?

Dr. Andreas Schiesser: Über 20 europäische Länder kennen das Referenzpreissystem. Darunter sind grosse Länder wie Deutschland, aber auch mit der Schweiz bevölkerungsm’ssig vergleichbare Länder wie die Niederlande oder Dänemark. Deutschland kennt das System seit 1989 und hat damit eine sehr lange und gute Erfahrung. Das Resultat drückt sich dann auch bei den Arzneimittelausgaben pro Kopf der Bevölkerung aus:

*curafutura – das sind die Krankenversicherer CSS Versicherung, Helsana, Santas und KPT, die sich zu einem Verband zusammengeschlossen haben. curafutura setzt sich ein für ein solidarisch gestaltetes und wettgewerblich organisiertes Gesundheitssystem.

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