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Recycling von Getränkeverpackungen gerät in der Schweiz ins Stocken

Die Wiederverwertung von Getränkeverpackungen(Tetrapak) ist in der Schweiz ins Stocken geraten. Während Aldi, Lidl und Spar weiter Recycling betreiben, macht dies für die IG-Detailhandel (Migros, Coop, Manor, Denner) wenig Sinn. Das Konsumentenforum beteiligt sich an dieser Diskussion und tauscht sich mit allen Beteiligten aus.  Unten stehend die Meinung des IG-Detailhandels, gefolgt von einer Gegendarstellung des Vereins Getränkekarton-Recycling Schweiz. 

 

Getränkekarton-Recycling aus Sicht der IG-Detailhandel 

Die Wiederverwertung von Getränkeverpackungen („Tetrapak“) ist aufwendig. Weil ein wesentlicher Teil der Verpackung trotzdem verbrannt werden muss, ist dieses Recycling aus heutiger Sicht für die IG Detailhandel nicht zu empfehlen.

Viele Konsumentinnen und Konsumenten möchten leere Getränkekartons wieder in die Läden zurückbringen, wo sie umweltgerecht recycelt werden. Darüber berichtete das kf- Magazin letzten Monat. Leider überwiegen bei dieser Wiederverwertung aber die Nachteile. Zu diesem Schluss kommt die IG Detailhandel, zu der sich Migros, Coop, Manor und Denner zusammengeschlossen haben. Gemeinsamen haben sie eingehend geprüft, ob die Wiederverwertung von Getränkekartons tatsächlich sinnvoll ist. Folgende vier Hauptgründe sprechen gegen das Recycling:

Grosser Aufwand, kleine Wirkung

Ein Getränkekarton besteht aus drei Schichten: Karton, Plastik und Aluminium. Eine neue, moderne Recyclinganlage in der Schweiz kann diese drei Materialien zwar trennen. Doch nur der Karton lässt sich zu neuen Kartonverpackungen verarbeiten. Plastik und Aluminium, die gemeinsam etwa einen Viertel einer Getränkeverpackung ausmachen, müssen verbrannt werden. Der relativ geringe ökologische Nutzen steht somit einem grossen Zusatzaufwand gegenüber.

Mehr Transporte nötig

Würde ein grosser Teil der Getränkeverpackungen nämlich rezykliert, müssten die Detailhändler diese Retouren per LKW von ihren Filialen in die Verteilzentren führen. Die Lastwagen sind aber bereits mit dem Transport von Mehrweggebinden wie Paletten und betriebseigenen Abfällen voll ausgelastet. Die zusätzlichen Fahrten erzeugen mehr Emissionen, was den Umweltnutzen einer Getränkekarton-Sammlung weiter verringert.

Hygienische Probleme

Anders als Plastik- oder PET-Flaschen sind Getränkekartons von Orangensaft oder Eistee meist nicht wiederverschliessbar. Wenn die Kartons einige Tage offen in den Sammelbehältern in den Filialen liegen, kann dies zu hygienischen Problemen und zu Geruchsbelästigungen führen.

Gute Umweltbilanz auch ohne Recycling

Der Karton der Getränkeverpackungen besteht aus Holz und damit aus einem nachwachsenden Rohstoff. Die Mitglieder der IG Detailhandel achten darauf, dass die Kartons aus Holz in FSC-Qualität bestehen. Deshalb weisen die Getränkeverpackungen eine gute Umweltbilanz auf, auch wenn sie nicht recycelt, sondern mit dem Kehricht entsorgt und verbrannt werden.

Angesichts dieser Nachteile bieten die Mitglieder der IG Detailhandel in naher Zukunft keine Sammlung von Getränkekartons in ihren Filialen an. Sollte es für die erwähnten Hindernisse aber künftig Lösungen geben, überprüft die IG Detailhandel eine solche Sammlung erneut. Denn grundsätzlich ist Recycling für den Detailhandel ein wichtiges Thema. Schon jetzt haben die Konsumentinnen und Konsumenten die Möglichkeit, viele Wertstoffe in die Filialen zurückzubringen. Die Mitglieder der IG Detailhandel nehmen PET-Flaschen, ausgediente Elektrogeräte und Batterien zurück. Zudem bieten Migros und Coop die national flächendeckende Plastikflaschensammlung auf freiwilliger Basis an. Mit den separaten Sammlungen leisten sie einen wertvollen Beitrag zum Ressourcenschutz und tragen zur Kreislaufschliessung der gesammelten Materialien bei.

Von den Filialen gelangt das Recyclinggut zusammen mit Paletten und anderen Abfällen in die Betriebszentralen. Die Betriebszentralen bündeln die Kundenretouren, pressen sie zu Ballen und übergeben diese den Recyclingunternehmen. Mit dem Rücktransport und der Vorbereitung des Recyclingguts leisten die Detailhändler einen wichtigen Beitrag an ein kosteneffizientes und umweltschonendes Entsorgungssystem.

Trixie Rauchfuss

 

Reaktion zum Bericht der IG DHS im Konsumentenforum 

Ja – Recycling ist sinnvoll.

Nein – wir tun noch nicht genug.

Es gibt innovative Gemeinden, Entsorger und Detailhändler, die eine Getränkekarton-Sammlung schon heute anbieten, und viele Konsumenten, die dieses Angebot mit Freude nutzen. Schweizweit könnte eine solche Sammlung morgen eingeführt werden. Die Kosten der bestehenden Sammlungen halten sich im Rahmen anderer Sammelsysteme.
Das Recycling aller Getränkekartons, von dem die Umwelt bereits heute profitiert, wäre in der Schweiz möglich, ausreichende Kapazitäten sind vorhanden. Mit dem Getränkekarton-Recycling kann in der Schweiz jährlich so viel Holz eingespart werden, wie auf 11’000 Fussballfeldern nachwächst. Soweit die Fakten.
Wir verzichten darauf, im Rahmen dieses Textes auf die einzelnen Punkte der IG DHS-Stellungnahme einzugehen und verweisen dazu auf die unten stehende Infobox.
Stattdessen möchten wir diesen Moment Ihrer Aufmerksamkeit nutzen, um für eine neue Denkweise zu plädieren. Denn wir sind überzeugt davon, dass am Anfang einer wirklichen Veränderung ein Umdenken steht.

Ein Plädoyer für ein Umdenken im Schweizer Recyclingmarkt – zu Gunsten der Kreislaufwirtschaft

Heute gehen wir davon aus, dass nur recycelt wird, was Sinn macht. Morgen gehen wir davon aus, dass nur Sinn macht, was recycelt wird.

Wir verschwenden Ressourcen von zukünftigen Generationen. Das ist wissenschaftlicher Fakt. Mit dem Recycling versuchen wir, zukünftige Knappheit zu verhindern. Wenn wir heute ein Material recyceln, geht also es im Kern darum, die wahren Kosten für unseren Konsum zu bezahlen. Damit nicht zukünftige Generationen dafür bezahlen müssen.
Heute hört man oft, Recycling sei teuer, und daraus abgeleitet wird die Sinnhaftigkeit des Recyclings hinterfragt. Dieser Aussage liegt ein Denkfehler zu Grunde. Denn es geht nicht alleine um die Frage, ob die wahren Kosten bezahlt werden oder nicht. Es geht im Kern um die Frage, ob wir heute die Kosten bezahlen oder unsere Schulden an unsere Enkel vermachen.

Das zeigt, dass ein grundlegendes Umdenken stattfinden muss. Es mutet seltsam an, wenn sich die grossen Diskussionen im Schweizer Recyclingmarkt darum drehen, ob ein Recycling sinnvoll sei oder nicht. Denn man nimmt somit im Grunde an, dass der Normalfall darin besteht, dass etwas nichtrecycelt wird. Wir regen dazu an, dies zu ändern. Lassen Sie uns vielmehr daran arbeiten, dass alles recycelt wird. Das führt nämlich zur Frage, warumetwas nichtrecycelt wird. Nur so kommen wir einer umgreifenden Kreislaufwirtschaft entscheidend näher, davon sind wir überzeugt.

Sich verbessern, statt ausruhen auf Erreichtem

Die Konsequenz aus dieser neuen Denkweise ist, dass wir uns nicht darauf ausruhen, dass 50% unseres Siedlungsabfalls recycelt wird, sondern dass wir uns fragen, wie die Stoffkreisläufe der restlichen 50% geschlossen werden können. Und zwar sowohl mit einer Ausweitung der Recyclingsysteme als auch mit dem Design für Recycling, bei dem  direkt bei der Produktentwicklung angesetzt wird.

Die Kostenfrage neu angehen

Die neue Denkweise soll in keiner Weise die Kostendiskussion im Recycling überflüssig machen. Im Gegenteil – sie ermöglicht eine zielführende Diskussion darüber, wie das Recyclingsystem der Zukunft kosteneffizienter gestaltet werden kann. Denn es gibt enorme ungenutzte Potenziale im Recyclingmarkt, was Synergien und Skaleneffekte anbelangt.

Lassen Sie uns die Zeit nicht mehr mit dem Tauziehen verschwenden, obwir recyceln, sondern uns der Frage zuwenden, wiewir recyceln.

Verein GKR

Infobox:

  • IG DHS: Grosser Aufwand, kleine Wirkung

Fakt #1: Mit dem Recycling von Getränkekartons wird heutzutage hauptsächlich die Ressource Holz geschont. Es kann in der Schweiz pro Jahr so viel Holz eingespart werden, wie auf einer Fläche von 11’000 Fussballfeldern nachwachsen würde. Das Recycling bringt bis zu 40% Umweltnutzen. Damit wird eine umweltverträgliche Verpackung noch besser.

Fakt #2: Die 75% Kartonfasern werden bei der Model AG in Weinfelden wieder zu Karton verarbeitet. Im Ausland gibt es technologische Verfahren, die es ermöglichen, auch den Plastik- und Aluminium-Anteil zu verwerten. Eine solche Technologie macht bei den geringen Mengen an Getränkekartons, die momentan in der Schweiz gesammelt und recycelt werden, noch wenig Sinn. Dazu benötigen wir zuerst ein flächendeckendes Sammelsystem. Der Kunststoff- und Aluminiumanteil wird heute in der Schweiz noch verbrannt und dient als Brennstoff bei der Stromherstellung. Würde der Teil zusätzlich stofflich verwertet, wäre der Umweltnutzen des Getränkekarton-Recyclings noch höher.

  • IG DHS: Mehr Transporte nötig

Fakt #3: Entscheidend für das Wohl der Umwelt ist es, dass Ressourcen eingespart werden. Nichtsdestotrotz sollte das Thema der Transporte natürlich in Diskussionen zur Gestaltung eines Recyclingsystems genauestens betrachtet und möglichst umweltschonend gestaltet werden.

  • IG DHS: Hygienische Probleme

Fakt #4:  Ausserhalb der IG DHS sammeln andere Detailhändler schon länger Getränkekartons. Die laufenden Sammlungen zeigen, dass die Bedenken der IG DHS unbegründet sind. Übrigens: 9 von 10 Getränkekartons werden mit wiederverschliessbaren Deckeln ausgegeben.

  • IG DHS: Gute Umweltbilanz auch ohne Recycling

Das ist richtig, aber das Bessere ist des Guten Feind. Die Schweiz verbrennt noch immer die Hälfte des Abfalls – das ist nicht gut genug. Beim Getränkekarton kann konkret etwas gemacht werden. Warum eine gute Verpackung nicht noch besser machen? Ein Recycling ist in der Schweiz möglich, verbessert die Umweltbilanz signifikant gegenüber der heutigen Verbrennung im Abfallsack und die Leute wollen es, ausserdem können sie zusätzlich Sackgebühren sparen. Man könnte schon morgen damit beginnen.