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Der E-Patient

Es fällt schwer, bei den vielen „Playern“ die Übersicht zu behalten: Alle Schweizer Spitäler müssen bis 2020 das elektronische Patientendossier (EPD) flächendeckend eingeführt haben – im Gegensatz zu den freipraktizierenden Ärzten, für die der digitale Schritt freiwillig ist. Auch bei den betroffenen Berufsverbänden ergibt sich kein einheitliches Bild. Einige leisten Grundlagenarbeit für das EPD, während andere dem Projekt kritisch gegenüberstehen. Hinzu kommen IT-Unternehmen, die mitmischen wollen, weil sie das grosse Geschäft mit den Datenmengen wittern. Mitten drin, in diesem umkämpften digitalen Sturm, stehen die Patienten und verlieren die Orientierung. Wir klären auf…

Dominique Roten, Konsumentenforum

Das EPD weckt grosse Hoffnungen – es soll die Medizin effizienter und kostengünstiger machen. Primär geht es darum, die Daten der Patienten lückenlos in einem digitalen Dossier zu sammeln und den Informationsfluss zwischen den Spitälern zu verbessern. Laut SVP-Nationalrat Sebastian Frehner eine Verbesserung: „Das EPD wird zu einer Steigerung der Qualität der Behandlungen führen, die Patientensicherheit erhöhen und die Kosteneffizienz steigern.“ Etwas kritischer sehen es diejenigen, die täglich damit arbeiten sollen: Ärzte, Apotheker, Pflegefachleute, Hebammen, Ernährungsberater. Für sie sind noch zu viele Dinge nicht geregelt. Bspw. können gewisse Heilmittel mit pflanzlichen Wirkstoffen, mangels Einlesecode nicht elektronisch erfasst werden. In solchen Fällen drohen Nebenwirkungen, wenn diese Heilmittel mit nichtkompatiblen Medikamenten kombiniert werden. Viele dieser „Kinderkrankheiten“ wird man jedoch in den nächsten Jahren überwinden und es ist davon auszugehen, dass ein Grossteil der freipraktizierenden Mediziner nicht abseitsstehen will, wenn das EPD eingeführt wird.

Auch bei den Patienten gehen die Meinungen auseinander. Während die einen um ihre Intimsphäre fürchten und sich als Spielball der Pharmalobby sehen, freuen sich die anderen über mehr Sicherheit und Übersicht. Generell gilt: Es wird niemand gezwungen, beim EPD mitzumachen.

Im folgenden listen wir Vorteile und Gefahren des elektronischen Patientendossiers auf…

Vorteile des elektronischen Patientendossiers

Für Patienten

  1. Die Patienten haben permanenten Zugriff auf ihre medizinischen Daten in ihrem Patientendossier.
  2. Patienten entscheiden, wer Einsicht in ihre Daten erhält und behalten jederzeit die Kontrolle über die Zugriffe.
  3. Patienten haben die Sicherheit, dass im Notfall alle wichtigen Daten verfügbar sind.

Für Ärzte

  1. Ärzte erhalten Einsicht in erfolgte Behandlungen, Laborwerte und Medikationen der Patienten und können dadurch die Qualität ihrer Arbeit weiter erhöhen.
  2. Erforderliche Informationen zu den Patienten können direkt im eigenen Informationssystem oder via Internet abgerufen werden.
  3. Behandlungs- und Medikationsfehler werden verringert, da alle relevanten Daten im Patientendossier vollständig verfügbar sind.

Für Apotheker, Pflegende und andere Behandelnde

  1. Apotheker erhalten dank dem Patientendossier einen Überblick Über die Gesamtmedikation ihrer Patienten und können diese so individueller beraten.
  2. Pflegende, Physiotherapeuten und andere Behandelnde können spezifischer auf die Patientenbedürfnisse eingehen.

Grösster Vorteil für alle ist der verbesserte Informationsfluss. Dadurch sollen teure Mehrfachuntersuchungen der Vergangenheit angehören.

 Gefahren des elektronischen Patientendossiers

  1. Die aktuellen IT-Systeme sind noch verbesserungswürdig und berücksichtigen die Bedürfnisse des medizinischen Personals zu wenig.
  2. Eine lückenlose Information zu gewähren, ist ein ehrgeiziges Ziel. Bspw. haben Heilmittel mit pflanzlichen Wirkstoffen keinen Einlesecode und können deshalb digital nicht erfasst werden. Solche Informationslücken sind eine potentielle Gefahr für Patienten.
  3. Die Informatiksysteme in Apotheken, Praxen und Spitälern sind nicht vollständig miteinander kompatibel. Momentan sind zu viele verschiedene Programme von verschiedenen Anbietern im Umlauf. So ist (noch) kein Informationsfluss möglich. Patienten haben die Sicherheit, dass im Notfall alle wichtigen Daten verfügbar sind.
  4. Was passiert, wenn ein Arzt feststellt, dass ein Kollege falsche Informationen in ein Dossier hineingeschrieben hat? Darf er sie dann einfach überschreiben? Sollten wegen der falschen Angaben Komplikationen entstehen, wären die Beweise nach dem überschreiben weg.
  5. Wenn Patienten die Dosierung der Medikamente laufend ihrem Gesundheitszustand anpassen müssen, bedeutet dass eine laufende Aktualisierung der Online-Medikamentenliste, was mit einem zeitlichen Mehraufwand verbunden ist. Wer soll dafür bezahlen?
  6. Wie sehen die Notfallpläne bei Hackerangriffen aus? Gesundheitsdaten sind äusserst heikel und es ist anzunehmen, dass Cyber-Kriminelle versuchen werden, die wertvollen Daten zu stehlen.

Der Wechsel von der analogen, verstaubten Patientenmappe zum digitalen und modernen Patientendossier ist noch weit und steinig. Momentan sieht es so aus, als ob die Spitäler die Frist des Parlaments bis 2020 einhalten werden. Die technischen Anforderungen sind in der ersten Phase der Umsetzung durchaus zu bewältigen: Es geht vor allem darum, dass alle Beteiligten Zugriff auf die nötigen Dokumente haben. Statt dass das Spital Austrittsberichte per Post oder E-Mail verschickt, stellt es diese als PDF-Dokument online, wo der Hausarzt oder die Spitex-Angestellten den Bericht lesen können. Die meisten Spitäler verfügen heute schon über umfangreiche elektronische Datenbanken mit Informationen über ihre Patienten wie Krankengeschichten, Röntgenbilder, laufende Behandlungen, Medikation, Laborwerte, Allergien usw.

In einem nächsten Schritt werden im EPD strukturierte Datensätze abgelegt. Das bedeutet, dass ein Apotheker bspw. auf die Medikationsliste eines Patienten zugreifen, diese abändern und danach wieder speichern kann. Dafür müssen die Formate aller involvierten Berufsgruppen kompatibel sein.

Etwas länger dürfte es bei den Hausärzten dauern. Viele ältere Ärzte weigern sich, den digitalen Schritt zu machen und ihre Infrastruktur anzupassen. Und so werden die Spitäler vorerst weiterhin gefaxte Überweisungen einscannen oder Austrittsberichte auf Papier verschicken müssen.