AMBULANT-HIGHRES1

Die Mogelpackung – Prämienzahler kommen an die Kasse

Blick-Artikel vom 7. August 2017, Sermîn Faki

Mit ambulanten Operationen sollen Kosten gespart werden. Nun zeigen Berechnungen des Kassenverbandes Curafutura: Das geht nicht auf.

Bald ist es wieder so weit: Nächsten Monat wird SP-Gesundheitsminister Alain Berset (45) vor die Medien treten und verkünden, wieviel Krankenkassenprämien Herr und Frau Schweizer im kommenden Jahr bezahlen müssen. Es dürfte nochmals mehr sein als heuer. Der Krankenkassenverband Santésuisse rechnet mit einem Anstieg von vier bis fünf Prozent. Einer der Haupttreiber für diese Entwicklung sind die ständig steigenden ambulanten Behandlungen im Spital. Diese haben 2016 knapp sechs Milliarden Franken gekostet – fast Prozent mehr im Vorjahr.

Die Kantone forcieren diese Entwicklung noch: Als Vorreiter haben Luzern und Zürich Listen von Operationen erstellt, welche die Spitäler nur noch ambulant durchführen dürfen. Dazu gehören Nierensteinzertrümmerungen und die Entfernung von Krampfadern, aber auch das Einsetzen von Herzschrittmachern. Der Zürcher FDP-Gesundheitsdirektor Thomas Heiniger (60) schätzt, dass damit allein in seinen Spitälern 9,4 Millionen Franken gespart werden können. Sein Luzerner CVP-Kollege Guido Graf (59) geht von drei Millionen Sparpotenzial aus.

Das Einsparpotenzial ist deutlich geringer als die Kantone behaupten

Beim Krankenkassenverband Curafutura reibt man sich darüber verwundert die Augen. «Wir haben keine Ahnung, wie die beiden Kantone auf diese Zahlen kommen», sagt Direktor Pius Zängerle (55). «Unsere Nachfragen haben leider auch keine Klarheit gebracht, sondern unsere Zweifel bestärkt.»

Also beugte sich der Verband der vier grossen Kassen CSS, Helsana, Sanitas und KPT über die Zahlen und verglich bei allen gelisteten Operationen die Tarife für stationäre und ambulante Durchführung. Das Ergebnis liegt SonntagsBlick exklusiv vor. Und es zeigt: Das Einsparpotenzial ist deutlich geringer als die Kantone behaupten. In zwei Fällen ist der Eingriff ambulant gar teurer: Das Einsetzen eines Herzkatheters kostet in Luzern ambulant 11’019 Franken. Ein stationärer Eingriff mit einer Übernachtung schlägt hingegen nur mit 7762 Franken zu Buche. Im Kanton Zürich kosten diagnostische Herzuntersuchungen ambulant 6243 Franken, stationär 4313 Franken.

Das liegt an den Tarifarten: Stationäre Behandlungen werden seit 2012 mit einer Pauschale abgegolten. Ambulant kommt der Ärztetarif Tarmed zum Zug, bei dem einzelne Arbeitsschritte und das Material separat abgerechnet werden.

Alle anderen Operationen – Luzern listet 13 auf, Zürich 14 – werden insgesamt zwar günstiger. Allerdings vor allem für den Kanton. Die Kassen zahlen drauf. Denn während die Kantone bei den stationären Behandlungen 55 Prozent der Kosten berappen, müssen die Versicherer Rechnungen im ambulanten Bereich allein begleichen.

Und das schenkt ein: mit durchschnittlichen Zusatzkosten von 1354 Franken pro Eingriff in Luzern und 1004 Franken in Zürich. Kosten, die durch Nachsorge und postoperative Kontrollen entstehen, sind damit nicht einmal mit eingerechnet, wie Curafutura sagt. «Die Aussage der Kantone, dass Steuerzahler und Prämienzahler günstiger fahren, ist nicht haltbar», so Zängerle. Und er warnt: «Würden Listen wie in Luzern und Zürich in der ganzen Schweiz angewendet, sparen zwar die Kantone. Aber die Versicherten müssen pro Jahr mindestens 45 Millionen Franken mehr bezahlen.»

Unwahrscheinlich ist dieses Szenario nicht. Denn auch andere Kantone erarbeiten solcher Ambulanz-Listen. Und der Bund überlegt, eine landesweit verbindliche Liste zu schaffen. Die Gesundheitspolitik hat sich nämlich die Losung «ambulant vor stationär» auf die Fahnen geschrieben. «Wir sperren uns überhaupt nicht gegen ambulante Listen», sagt Zängerle denn auch. «Aber ohne Beteiligung der Kantone an allen ambulanten Kosten sparen sie auf dem Buckel der Prämienzahler.»

Auch die neuen Berechnungen bringen Zürich und Luzern nicht zum Einlenken

Curafutura fordert daher eine einheitliche Finanzierung von ambulanten und stationären Leistungen. Just das aber lehnen die Kantone ab. Auch die neuen Berechnungen bringen Zürich und Luzern nicht zum Einlenken. «Stationäre Eingriffe werden häufig nicht aufgrund von medizinischen Kriterien, sondern von finanziellen Fehlanreizen vorgenommen», sagt der Luzerner Gesundheitsdirektor Graf und führt an, dass Zusatzversicherte viel häufiger stationär behandelt würden. Dies beweise, dass die Versicherer die Wirtschaftlichkeit der Spitalleistungen nicht kontrollierten. Deshalb müssen die Kantone diese Aufgabe übernehmen.

Graf weiter: «Wie Curafutura auf 45 Millionen Franken Mehrkosten kommt, ist mir schleierhaft. Unsere Berechnungen zeigen, dass die Krankenkassen durch unsere Liste rund 500’000 Franken pro Jahr sparen.» Allerdings gibt er zu, dass Herzschrittmacher, Koronarangiografien und Leistenbrüche die Kassen – und damit die Prämienzahler – tatsächlich mehr kosten. «Gesamthaft über alle Eingriffe auf der Liste resultiert jedoch eine geringe Entlastung.»

Der Streit geht also weiter

Zürich kritisiert, Curafutura verfüge nicht über alle massgeblichen Daten für solche Berechnungen. Diese lägen nur den Kantonen vor. «Die Berechnungen, welche wir vorgenommen haben, kommen zum Ergebnis, dass ambulante Behandlungen deutlich günstiger ausfallen und die Prämienzahlenden über alles gesehen nicht mit einer Mehrbelastung rechnen müssen», so eine Sprecherin.

Der Streit geht also weiter. Immerhin: Curafutura bietet Luzern und Zürich an, die Berechnungen gemeinsam durchzugehen.