SwissHandicap

kf Podium: Genuss – trotz eingeschränkter Mobilität?

Auch 2015 richtete das Konsumentenforum kf an der SwissHandicap, der Messe für Menschen mit und ohne Behinderung, ein Podium aus. Thematisiert wurde dieses Mal die Mobilität. Neben dem Leiter Unternehmensentwicklung Personenverkehr bei der SBB waren auch ein Vertreter einer Behindertenorganisation und die direkt betroffene Bloggerin Andrea Jerger im Panel. Aus der Diskussion ging hervor, dass Menschen mit Behinderung besser auf technische Innovation statt auf die Politik hoffen.

Es wird oft von Eigenverantwortung der Konsumenten gesprochen, diese ist aber nur möglich, wenn allen Konsumenten die Voraussetzung dazu geboten wird. Gerade Menschen mit Behinderung werden jedoch immer noch vielerorts benachteiligt oder sogar ausgeschlossen. Das Genuss-Erlebnis wird durch kleinere oder grössere Hürden beeinträchtigt. Da das Konsumentenforum kf das Thema „Genuss“ als Leitthema für die nächste Zeit ausgegeben hatte, wurde dieses mit der an der SwissHandicap in Luzern verbunden. Es stand die Frage im Raum, wie trotz eingeschränkter Mobilität genossen werden kann. Die von NZZ-Redaktorin Claudia Wirz kompetent moderierte Diskussion stellte aber auch ganz konkrete Fragen: Welche Einschränkungen, die vermieden werden könnten, gibt es im Alltag? Was wurde bisher erreicht? Und was ist als nächstes notwendig?

Für das Podium konnten folgende Experten gewonnen werden: Julian Jaeckle, Geschäftsleiter von „Integration Handicap“, dem Dachverband der Behindertenorganisationen und Christof Lehmann, Leiter Unternehmensentwicklung Personenverkehr bei der SBB sowie Andrea Jerger, Bloggerin und Vorstand der Konsumhelden.ch, welche wegen einer Autoimmunkrankheit selber betroffen ist (siehe Video unten). Damit waren sowohl die Anbieter wie auch die Nutzer von Mobilitätslösungen versammelt. Rasch wurde jedoch klar, dass Mobilität sich nicht auf Verbindungen von A nach B beschränkt, sondern darüber hinaus reicht. Die Verbindungen des öffentlichens Verkehrs dienen zum Beispiel einem Konzertbesuch oder ähnlichem.

Warten auf weitere Rollkoffer 
Einigkeit herrschte unter den Experten auch darüber, dass in der Vergangenheit vieles verbessert werden konnte. Herausgestrichen wurde besonders das Behindertengleichstellungsgesetz BehiG, durch welches seit 2004 eine gesetzliche Handhabe zur Beseitigung von Schranken zur Verfügung steht. Allerdings wurde auch nochmals erwähnt, dass zentrale Forderungen nicht erfüllt wurden, da etwa gleichzeitig die Volksinitiative „Gleiche Rechte für Behinderte“ klar verworfen wurde. So dürften Julien Jaeckle auch künftig die Forderungen nicht ausgehen. Mit Hinblick auf die Namensänderung seiner Organisation (heisst ab nächstem Jahr „Inclusion Handicap“) sagte er, dass Integration zwar weitgehend erreicht sei, aber die volle Inklusion eine Utopie sei. Diese sei zwar nicht erreichbar, aber so gut wie möglich zu verfolgen.

Christof Lehmann versicherte, dass die Probleme mittlerweile erkannt worden seien. Dass es in der Gesellschaft ein Bewusstsein für die Anliegen der Menschen mit Behinderung gebe, wurde denn auch von niemandem bestritten. Kritisiert wurde (auch aus dem Publikum) hingegen die Dauer der Umsetzung von Massnahmen. Da solche Verzögerungen auch höhere Kosten bedeuteten, habe auch die SBB ein Interesse am raschen Handeln, beschwichtigte Lehmann. Jaeckle bemerkte, dass Rollkoffer insgesamt wohl mehr Hürden beseitigt hätten als das BehiG, da deren enorme Verbreitung vielerorts dazu führte, Absätze abzutragen. „Tatsächlich können die für die Allgemeinheit entwickelten Innovationen auch gezielt für Menschen mit Behinderung genutzt werden“, so Lehmann.

Wunsch nach verstärktem Lobbying
Bei aller Wichtigkeit von technischen Innovationen, musste eingestanden werden, dass es nur ein relatvi kleiner Markt ist, wenn Lösungen für Behinderte erfunden werden sollen. So muss wohl auf Nischenanbieter vertraut werden – und eben doch auch auf die Politik. „Der Markt hat eine Verantwortung und leistet auch einen Beitrag – nur leider ist der noch nicht genügend“, so Jaeckle. Andrea Jerger hatte auch eine Erklärung parat, weshalb der Markt so träge agiert: „Es ist nicht wirklich das Thema, welches der Markt will und gut verkaufen kann.“ Sie wünschte sich, dass die Behindertenpolitik wieder mehr streiten und fordern würde: „Es geht nur vorwärts, wenn man immer wieder daran erinnert und sich eines Tages ein Aha-Erlebnis einstellt.“ Ein solches wären laut Jerger beispielsweise auch leitende Manager, welche selber durch eine Behinderung eingeschränkt sind.

Nach einem Ausblick gefragt, zeigte sich umgehend, dass die Hoffnungen vor allem auf der Digitalisierung ruhen: Trotz weiterem Dichtestress und zusätzlicher Beschleunigung sollten Smartphones und Apps – vor allem – auch Menschen mit Behinderung durch mehr Transparenz künftig die Mobilität erleichtern. Und dadurch Genuss verschaffen können.