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Kleider machen Leute und umgekehrt

So ein unspektakulärer Titel. Aber für eine Unterländer Zeitung, fürs Gottfried-Keller-Land sozusagen, ist er erlaubt. Ich habe gerade ein Wochenende in München ver- und damit ein bisschen Zeit zugebracht, um mit meinem Buben ein Paar neue Jeans zu kaufen: Unglaublich, wie schnell die Kinder wachsen. Der Anspruch war nicht absurd oder weltfremd; schmale Hosen ohne Löcher, ungebleicht und ohne künstlich erzeugte Sitzfalten. Ich möchte nichts kaufen, das a) bereits getragen aussieht und b) die Hersteller, sprich Näherinnen, unnützem gesundheitlichem Schaden aussetzt, was bei der Saumode von ausgebleichten und zerlöcherten Jeans leider unumgänglich ist. Der Fachverkäufer, ein älteres Semester, erklärte mir gleich, dass er nichts ha-be, das meinem Anspruch gerecht würde: «Das trägt man heute so.» Ich wagte zu sagen, dass ich selber aus der Modebranche komme und durchaus ein Verständnis für Trends habe. Tja, meinte er, wenn ich mich ständig frage, was das soll, dann käme ich nirgends hin. Ich frage mich heute ganz verdutzt, warum ich den Laden nicht schnurstracks verliess. Als Kundin bin ich Königin und muss mich von niemandem belehren lassen.

Gemäss einer Studie des WWF Deutschland ersteht jeder Deutsche pro Jahr 60 Kleidungsstücke. Lesen Sie dies ruhig nochmals: 60 Kleidungsstücke. Auch wenn Sie Nylonstrümpfe, Socken und Unterhosen dazuzählen, ist dies doch eine stattliche Anzahl. Schweizer Konsumenten verhalten sich vermutlich etwa gleich. Nachhaltigkeit ist zwar für viele im Alltag durchaus erstrebenswert – nicht umsonst sind wir Recycling-Weltmeister. Aber bei Textilien ist die Verlockung riesig, stets und ständig einzukaufen, stehen doch preisgünstige, ja gar billige Artikel von Textilmultis jederzeit und überall zur Verfügung. Auswüchse sind die Folge davon. «Eine Bluse waschen und bügeln? Nein, lieber gleich eine neue kaufen!», das kann man in der Tat hören. Gedanken darüber, wie es möglich ist, ein T-Shirt für einen Fünfliber zu erhalten, machen sich nicht viele. Doch ich will an dieser Stelle niemandem die Kauflust verleiden. Aber dazu anregen, das eigene Kaufverhalten bisweilen sanft zu hinterfragen. Dass Qualität vor Quantität steht, wissen wir, aber handeln wir danach? Langlebigkeit ist in der schnelllebigen Modebranche kein gern gehörter Begriff. Und doch hat jeder von uns ein Lieblingsteil, das schon mehrere Jahre alt ist. Diese Teile haben eine Geschichte, sie begleiten uns, sofern wir noch hineinpassen, ständig.

Manchmal ist es hilfreich, in einen der bisweilen ausgestrahlten Dokumentarfilme zu schauen. Wie werden in Vietnam und Kambodscha Jeans, Pullover, Kleider produziert? Wie in Indien Leder gefärbt? Oft unter unwürdigen Umständen. Sicher sind nach dem verheerenden Unglück in Bangladesh Verbesserungen verspochen worden. Doch wenn wir uns entschliessen, keine in Fernost hergestellten Kleider mehr zu kaufen, wird die Auswahl etwas eng. Hier lohnt sich ein Blick auf europäisches oder Schweizer Schaffen alleweil. Ge- rade hierzulande tummeln sich unzählige und oft noch unbekannte kleine Designlabels mit durchaus span- nendem Angebot. Und vergessen wir unser jahrhundertealtes Couturehandwerk nicht: Ja, es existiert noch! Es bietet der Kundin ein unvergessliches Erlebnis, nämlich das Mitgestalten eines Unikats, das ganz sicher wieder ein Lieblingsteil wird.

* Babette Sigg Frank, Präsidentin des Schweizer Konsumentenforums
   (Gastkommentar im Wochenspiegel des Zürcher Unterlands, vom 26. Oktober 2016)