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Liberalisierung mit Tücken – Öffnung des Arzneimittelmarktes

Die Marktöffnung ist angesichts besserer Informationszugänglichkeit der Patienten sehr wünschenswert, erhöht die Versorgungssicherheit und senkt die Kosten. Werden gleichzeitig aber zusätzliche Hürden in der Abgabe und die Schaffung der Rezeptpflicht für heute bereits rezeptfreie Medikamente bei leichten Erkrankungen wie Husten eingeführt, dann dient dies weder dem Patienten, noch dem Gesundheitssystem. Hier werden Kosten erhöht, ohne einen Nutzen zu generieren. Gut gemeint ist leider noch nicht gut gemacht.

Wer an einer Erkältung mit Husten erkrankt, geht selten zum Arzt – meist werden Hausmittel oder frei verkäufliche Medikamente eingesetzt. Dies ist einfach und kostengenstig für das ganze Gesundheitssystem: Es braucht keinen Arztbesuch, keine spezialisierte Beratung – sondern lediglich Erfahrungswissen. Der Patient ist oft selbst in der Lage eine adäquate Behandlung zu wählen. Diese Entwicklung und die Notwendigkeit der Entlastung des Gesundheitssystems von unnötig anfallenden Kosten, hat im Rahmen der Revision des Heilmittelgesetzes zur Idee einer Liberalisierung geführt: Neu werden Medikamente, die keine spezielle Fachberatung benötigen, auch in Drogerien verkauft werden können – auch in der Drogerie steht nämlich im Bedarfsfall eine ordentlich qualifizierte Fachberatung zur Verfügung. Dies ist praktisch und sachgerecht – da sind sich auch alle Akteure im Gesundheitswesen einig. Dieser Schritt schafft Effizienz und Ärzte werden von diesen leichten Erkrankungen entlastet. Ausserdem wird die Verfügbarkeit von Medikamenten ausgeweitet und damit die Versorgungssicherheit erhöht. Gleichzeitig werden die Kosten im staatlichen System gesenkt, weil keine Verschreibung und Abrechnung über die Krankenkasse anfällt. Swissmedic hat die bisher apothekenpflichtigen Medikamente untersucht und eine Liste publiziert mit den Medikamenten, welche sich aus ihrer Sicht für eine solche Lösung eignen.

Zudem, und dies ist ein offensichtlicher Widerspruch zur Liberalisierung, wurde gleichzeitig eine grosse Zahl bisher frei verkäuflicher Medikamente gegen leichte Erkrankungen neu einer Rezeptpflicht unterstellt. Dies macht aus der Sicht der Patienten keinen Sinn – sondern ist als Aufziehen neuer protektionistischer Zäune zu werten.

Zwar sind diese Medikamente gegen Kontrolle der Personalien und entsprechender Dokumentation weshalb das Medikament benötigt wird, auch weiterhin in der Apotheke erhältlich, sofern die Abgabe durch den Apotheker erfolgt,  nicht wie bisher durch dessen Assistentinnen, und der Patient das Medikament persönlich abholt.Wenn Sie also durch einen grippalen Infekt mit Fieber im Bett liegen, müssen sie sich selber in die Apotheke quälen um zum Beispiel ein Vicks Medinait kaufen zu gehen, Ihr Partner kann es ihnen nicht mehr heimbringen!

Fakt ist: Es gibt heute kein einziges Produkt im Markt, das in der Apotheke ohne Rezept bezogen werden kann und gleichzeitig so bedenklich wäre, dass es neu eine Konsultation bei einem Arzt oder ein Rezept benötigen würde. Dies hat der Bundesrat im Herbst 2018 auf eine parlamentarische Anfrage von Nationalrat Sebastian Frehner auch bestätigt.
Eine Überprüfung ist eine Verschwendung von Ressourcen, denn, wenn eine Gefährdung der Bevölkerung bestehen würde, hätte Swissmedic zum Schutz des Patienten schon lange einschreiten müssen. Auch gibt es Kantone, so zum Beispiel der Kanton Solothurn, welche es bereits heute erlauben, dass apothekenpflichtige Medikamente in der Drogerie abgegeben werden dürfen. Leben die Bewohner des Kantons Solothurn wirklich so gefährlich? Es gibt keinerlei Hinweise, dass dem so wäre!

Es ist zu erwarten, dass durch die neue Rezeptflicht die Patienten zukünftig vermehrt für einfache Erkrankungen zum Arzt gehen. Folge davon: Die ohnehin vollen Wartezimmer beim Arzt werden noch voller und es entstehen immense Kosten, welche wir dann grösstenteils über die Krankenkassenprämien wiederum finanzieren müssen.

Sparen klingt bei mir anders!

Durch die Umteilung dieser Medikamente gegen leichte Erkrankungen, welche heute zu günstigen Preisen in der Apotheke gekauft werden können, werden diese massiv teurer. Alleine für die kassenvergüteten Produkte wird es zu einem durchschnittlichen Preisaufschlag von rund 20% (in Einzelfällen um 50%) kommen, da die Vertriebsmarge für rezeptpflichtige Medikamente durch das Bundesamt für Gesundheit anders geregelt ist als für die apothekenpflichtigen Produkte.

Sparen klingt bei mir anders!

Diese neue Rezeptflicht für heute rezeptfreie Medikamente dürfte zu Mehrkosten für Medikamente, Arztbesuche und Dokumentation in der Apotheke in dreistelliger Millionenhöhe führen, ohne einen sichtbaren Nutzen für den Patienten. Zum Vergleich 2017 wurden durch einschneidende Preissenkungen bei den Medikamenten im Rahmen der Dreijahresüberprüfung 225 Mio. CHF weggespart, mit dem Risiko einer Verschlechterung der Versorgungssicherheit.

Sparen klingt bei mir anders!

Nicht einmal der viel beschworene Missbrauch von Medikamenten lässt sich durch die Umteilung beheben. Denn diese erfolgt heute meist illegal und eine illegale Handlung, lässt sich nie mit einer zusätzlichen Regulierung verhindern, hier wären andere Massnahmen im Sinne einer Aufklärung notwendig. Sicherlich ist es der falsche Weg, die vielen Konsumenten zu bestrafen, welche sich korrekt verhalten und die Medikamente bestimmungsgemäss einsetzen.

Die geplante Umsetzung der neuen Regelung führt zu einem Bürokratiemonster mit hohen Zusatzkosten und es wird eine Chance verpasst das Gesundheitssystem durch optimalen Einsatz aller Akteure zu entlasten, die Versorgung der Patienten zu verbessern und die Sicherheit der Patienten zu gewährleisten.

Es wäre wünschenswert, diese Umklassierung nochmals zu berdenken und eine Lösung zu finden, welche dem ursprünglichen Willen des Gesetzgebers, nämlich die Ausweitung der Verfüggbarkeit bei gleichzeitiger Kostendämpfung, gerecht würde.

Marcel Plattner, CEO Gebro Pharma AG & Präsident VIPS