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Referenzpreise bei Medikamenten – „78% der Konsumenten sind dagegen“

Interview mit Dr. Axel Müller, Geschäftsführer der Vereinigung „Intergenerika“ und Schirmherr der Allianz „Nein zu Referenzpreisen bei Medikamenten“.

Forum: Dr. Müller, was sind überhaupt Referenzpreise?

Dr. Axel Müller: Der Bundesrat möchte Höchstpreise bei Generika festsetzen, die nur noch von den Krankenkassen erstattet werden sollen. Patienten müssen daher damit rechnen, dass sie ihr vertrautes Präparat nur noch dann bekommen, wenn sie in der Apotheke den Differenzbetrag aus der eigenen Tasche draufzahlen. Ansonsten müssen sie auf das billigste Präparat wechseln. Das billigste Medikament ist aber nicht immer das beste für den Patienten.

Forum: Was spricht noch gegen die Einführung von Referenzpreisen?

Dr. Axel Müller: Referenzpreise sind definitiv keine Lösung für unsere Schweizer Patienten. Sie hätten massive Folgen für unsere Gesundheit. Da Patienten gezwungen würden, immer wieder auf das billigste Präparat zu wechseln, sind unerwünschte Wirkungen und eine beeinträchtigte Therapietreue zu erwarten.

Forum: Was meinen Sie damit genau?

Dr. Axel Müller: Patienten verlieren bei einem Referenzpreissystem komplett den Überblick. Sie haben zu Hause einen grossen Korb mit angebrochenen Medikamentenverpackungen, jede mit einem anderen komplizierten Namen, aber alle mit demselben Wirkstoff. Die Patienten nehmen zu viel oder zu wenig oder falsche Medikamente oder angebrochene Packungen landen auf dem Müll.

Forum: Stehen Sie mit Ihrer Haltung gegen Referenzpreise alleine da?

Dr. Axel Müller: Keineswegs. Da Patienten zusammen mit ihren Ärzten und Apothekern ihrer Wahlfreiheit beraubt würden, lehnen gemäss einer repräsentativen Studie 78% der Schweizer Konsumentinnen und Konsumenten Referenzpreise bei Generika ab. Zudem unterstützen uns die wichtigsten Vertreter des Gesundheitssystems im Kampf gegen Referenzpreise. Dazu zählen neben dem Konsumentenforum, den Patientenschutzorganisationen auch Ärzte und Apotheker.

Forum: Gefährden Referenzpreise die Versorgungssicherheit?

Dr. Axel Müller: Ja. Bei einem Wegfall der Wahlfreiheit würden Behörden oder Krankenkassen unsere Medikamentenauswahl treffen. Diese haben nur den Fokus auf Kostensenkung, aber nicht auf Qualität, Therapietreue und Versorgungssicherheit. Wichtige Notfallmedikamente und Medikamente mit verbesserter Form der Darreichung für Kinder und Senioren, würde es dann in Zukunft nicht mehr geben. Zudem wird bei zu niedrigen Preisen die Herstellung von Medikamenten für viele Anbieter nicht mehr attraktiv, was zu deren Rückzug aus dem Markt führen kann. Es drohen Oligo- oder gar Monopole und damit die Abhängigkeit der Versorgung von wenigen Anbietern – auch bei lebenswichtigen Medikamenten wie Antibiotika. Gemäss einer aktuellen Studie des Basler Unispitals gibt es in der Schweiz schon heute bei rund 200 Medikamenten Lieferengpässe. Diese Situation würde sich weiter verschärfen.

Forum: Lassen sich durch Referenzpreise nicht die Krankenkassenprämien senken?

Dr. Axel Müller: Der Anteil der Generika an den Gesundheitskosten beträgt knapp über einem Prozent. Daher kann man die Krankenkassenprämien aufgrund der Grössenverhältnisse nicht nachhaltig sanieren. Selbst einer marginalen Prämiensenkung stehen die Eigenkosten der Patienten gegenüber, die in der Apotheke draufzahlen müssten. Dadurch werden gesunde Prämienzahler marginal entlastet, währende kranke Prämienzahler über Gebühren belastet würden.

Forum: Gibt es Erfahrungen aus dem Ausland mit Referenzpreisen?

Dr. Axel Müller: Referenzpreise führen nicht zum erwünschten Ziel, sondern mittelfristig gar zu einem Anstieg der Gesundheitskosten. Der bei einem Referenzpreissystem aufoktroyierte laufende Medikamentenwechsel ist für Ärzte zeitraubend. Sie müssen Patienten das komplizierte System erklären und sie auf immer wieder neue Medikamente einstellen. Aber genau diese Zeit haben die immer mehr von administrativen Aufgaben absorbierten Ärztinnen und Ärzte laut einer Studie des Ärzteverbands FMH schlichtweg nicht. Ein zusätzlicher Zeit- und Erklärungsaufwand käme für die Ärzte absolut zur Unzeit. Ein anderer Grund, weshalb Ärzte Referenzpreise ablehnen – sie wollen ihren Patienten die laufenden Zuzahlungen in der Apotheke ersparen. Ärzte in der EU weichen auf teure Originalpräparate aus, die nicht unter das Referenzpreissystem fallen. Daher steigen die Kosten wieder. Ein Teufelskreis!

Forum: Was schlagen Sie alternativ vor?

Dr. Axel Müller: Anstelle von Referenzpreisen fordern wir, dass man das Sparpotenzial bei Generika weiter ausbaut, indem man sie mehr fördert und nicht verteufelt. Generika dürfen bei den finanziellen Anreizen für Ärzte und Apotheker nicht benachteiligt werden. Hier fordern wir gleichlange Spiesse. Mit steigendem Gebrauch von Generika könnten die Krankenkassen mehr sparen und würden nicht die unerwünschten Nebeneffekte eines Referenzpreissystems riskieren.

Forum: Wie viel Sparpotenzial steckt in Generika?

Dr. Axel Müller: Schon heute werden pro Jahr eine Milliarde Franken an Medikamentenkosten dank Generika gespart. Dieses Potenzial gilt es auszubauen. Der Bundesrat ist deshalb gut beraten, das System, das sich in der EU nicht bewährt hat, nicht in der Schweiz einzuführen. Stattdessen sollte er die Anreize bei Generika fördern. Unsere Empfehlung: Nicht bei Generika sparen, sondern mit Generika sparen.

Forum: Vielen Dank für das Gespräch.

Intergenerika ist die Vereinigung der führenden Generikafirmen in der Schweiz, die ihrerseits über 90% des Generika-Volumens in der Schweiz repräsentieren. Intergenerika fördert die Akzeptanz von Generika durch Aufklärung von Medizinalpersonen, Fachverbänden, Krankenkassen und Patienten und fördert deren Verbreitung als qualitativ mindestens gleichwertige, jedoch preiswertere Arzneimittel. Im Weiteren plant und koordiniert der Verband die Kontakte zu Medien, Behörden und Vereinigungen im Bereiche von Medizinalpersonen und des Gesundheitswesens. Mit allen Massnahmen verfolgt Intergenerika das Ziel einer angemessenen Vertretung von Generika im schweizerischen Arzneimittelmarkt bzw. im schweizerischen Gesundheitswesen.

Kontakt:

Intergenerika
Altmarktstrasse 96
Postfach 633
4410 Liestal
www.intergenerika.ch
Tel.: 041 61 927 64 08
e-Mail: axel.mueller@intergenerika.ch