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Zuckersteuer – Beda Stadler über die staatliche Regulierungswut

Es soll ein evolutionäres Programm geben, das da lautet: „Friss so viel, so fett, so süss wie möglich.“ Dafür gibt es wohl keinen wissenschaftlichen Beweis, aber ich hab’ mich immer daran gehalten. Schweine leben womöglich auch so. Sie waren es zumindest, die in mir einen heiligen Zorn gegen die staatliche Regel-Wut geweckt haben. Also nicht die Schweine selber, sondern die EU, welche 2006 ohne ein Schwein zu fragen die Schweinesuppe verboten hat. Es war mir als Kind Trost, dass die Tellerreste im Restaurant oder die alten Stückli beim Konditor in Milchbränten landeten und zu Schweinefutter wurden. In meiner kindlichen Vorstellung lebten die Schweine dadurch sozusagen im Schlaraffenland. Wie so oft und selbstverständlich hat die Schweiz diese EU- Gesetzgebung übernommen, und seit 2011 fressen die Schweine in der Schweiz weiss der Teufel was, vielleicht, oh Schreck, sogar Sojaschrot.

Beda Stadler, Fachbeirat „Gesundheitswesen“ Konsumentenforum

Die Schweinesuppe illustriert aber eigentlich nur, dass es uns Bürgern ähnlich ergeht. In der Jugend bedeutete dies am Freitag nur Fisch, obwohl die Fischstäbchen noch nicht einmal erfunden waren, und es hiess unfreiwillige Abstinenz in den Fastenwochen. Das Genussverbot für die Schweine kam allerdings zu einer Zeit, als mir schon klar war, dass die Moral nicht von oben oder Gott kommt, sondern ein evolutionäres Programm ist. Die eigenen Werte wurden in der Folge dann aber sogar grausamer als die göttlichen Vorgaben. Es waren die Vorstellung von Schönheit und Gesundheit, also das Idealgewicht, das einem so manchen Genuss vereitelte. Steht man sich selber vor dem Glück, reagiert man anscheinend umso empfindlicher auf jeden, der sich zusätzlich einmischt.

Im Alter, geheilt von Religion und Schönheitsidealen, gibt es immer noch genügend andere Mächte, die mir den Genuss ausreden wollen. Relativ hoch in der Hit- liste der Miesepeter steht der Staat mit seinem BAG, das im harmlosesten Fall die Zimt-Weihnachtsguetzli zu potentiellen Gift macht. Neuerdings will der Staat mit neuen Vorschriften aus uns Bürgern fitte und zuckerbefreite Bürger machen, als ob dies seine Rolle wäre. Da der Staat fast alles verbietet, was uns Spass macht, und dies diesmal beim Zucker nicht möglich ist, wird er mit aller Voraussicht Steuern auf dem Zucker einführen.

Es ist zu simpel, bloss auf den Staat zu schimpfen, da oft die Produzenten selber eine dubiose Rolle spielen. Die EU-Vorschriften zu den gekrümmten Gurken waren lange Zeit das Paradebeispiel für staatliche Willkür. Als die EU diese Regelungen rückgängig machen wollte, stellten sich als erste die Produzenten stur, weil sie sich daran gewöhnt hatten. Die Nahrungsmittelbranche will nämlich meist keine grossen Veränderungen und sie hat ständig Angst vor einem neuen Skandal. Die staatlichen Vorschriften treffen schliesslich den Konkurrenten gleich hart wie einem selber, sind aber zumindest eine Garantie für Stabilität. Liest man zum Beispiel die Qualitätsleitsätze für Fleisch und Fleischprodukte des Schweizer Fleischverbandes, findet man das Wort „Genuss“ kein einziges Mal. Nach den Pferdefleisch-Skandalen wird selbst dieser Verband es wahrscheinlich nicht mehr zu Stande kriegen, dass die Salami wieder so gut schmeckt wie einst, als sie noch mehrheitlich aus Eselfleisch bestand. Da die Skandale oft von lautstarken Protestorganisationen hervorgerufen werden, macht die Nahrungsmittelindustrie meist sogleich einen Kniefall vor dieser Lobby. Man darf also gespannt sein, wie die Fleischproduzenten in nächster Zeit auf die Veganer reagieren werden.

Der Schweizer Vacherin Mont d’Or ist ein Beispiel für die Angst der Produzenten. Wer den Original-Käse aus Rohmilch essen will, muss nach Frankreich. In der Schweiz darf der Käse nur noch aus thermisierter Milch hergestellt werden, weil in den achtziger Jahren Listerien im Käse gefunden wurden und daran mehrere Menschen starben. Der Druck von Behörden und besorgten Konsumenten war so gross, dass ein Nischenprodukt „freiwillig“ abgeändert wurde. Handelt es sich hingegen um ein Produkt, das von den Behörden gefördert, von Konsumenten geliebt und von den Medien als ökologisch, gesund und sicher hochgejubelt wird, dürfen schon mal mehr als 35 Menschen daran sterben wie 2011 an Bio- Sprossen in Deutschland.

Der beste Raclette-Käse kommt aus dem Oberwallis. Wen erstaunt es, dass diese eigensinnigen Kelten noch den Mut haben, Rohmilch dazu zu verwenden? Diesen Käse gibt es nun auch mit einer AOC-Kennzeichnung. Die kontrollierte Herkunftsbezeichnung ist aber längst kein Gütesiegel mehr für Genuss, sondern dient meistens bloss noch dazu, eine Monopolstellung zu verteidigen. Da ein AOC Zertifikat nur an jemanden verteilt wird, der sein Produkt auf traditionelle Weise herstellt, ist es eigentlich eine Innovationsbremse. Sollte die Wissenschaft herausfinden, welches kontaminierende Bakterium oder welcher Pilz dem Käse oder Salami erst das beste Aroma verleiht, wäre die Tradition im Eimer. Es ist geradezu traurig, wie wir in den letzten Jahren den Geschmack mit Tradition verknüpft haben. Die Nahrungsmittelhersteller fürchten sich offensichtlich vor dem Neuen und verstecken sich gerne hinter einem virtuellen Konsumenten, der zum Beispiel keine Gentechnik will. Dabei ist es klar, dass man mit Gentechnik nicht nur mehr Nahrungsmittel, sondern auch schmackhaftere machen könnte. Niemand fürchtet sich vor einem Sauerteig-Brot, von dem niemand auch nur die geringste Ahnung hat, wie viele verschiedene Bakterien, Hefen und Pilze an dem herrlichen Geschmack beteiligt sind.

Noch sind die Beipackzettel auf unseren Nahrungsmitteln nicht ganz so gross wie auf den Medikamenten. Selbst für diese Deklarierungswut kann man keinem einzelnen Player den Schwarzen Peter zuschieben. Die Nahrungsmittelindustrie hat versucht die Margen zu verbessern, indem die Grundnahrungsmittel in einzelne Bestandteile zerlegt wurden, die dann neu zusammengesetzt werden. Der Gesetzgeber und die Konsumentenschützer haben darauf reagiert und verlangten eine Auflistung aller Zutaten. Dazugekommen sind fast 400 Lebensmittelzusatzstoffe, die berühmten E-Nummern, die nicht nur Genusstäter sind, sondern dem Konsumenten Angst einjagen.

Wir haben „Nahrungsmittel“ im Überfluss, aber keine „Lebensmittel“ mehr. Trotzdem essen wir nicht mehr, um zu geniessen, sondern um gesünder zu werden. Neben den wirklich Kranken steigt offensichtlich die Gruppe der Möchtegernkranken rapide an. Es nehmen scheinbar sogar genetisch bedingte Krankheiten, etwa die Glutenüberempfindlichkeit, zu. Es ist allerdings nicht möglich in der Schweiz innerhalb kurzer Zeit derart viele neue Kranke zu haben, ausser alle Gesunden hätten sich in den letzten zwanzig Jahren an ein Paarungsverbot gehalten. Am meisten verunsichert werden allerdings Nahrungsmittelproduzenten und Küche durch die Allergiker. Daran sind die Allergologen beteiligt, die immer noch den Mythos verbreiten, dass durch kleinste Spuren von Allergenen allergische Reaktionen ausgelöst werden können. Für alle anderen Gefahren, etwa die Toxizität, kann die Wissenschaft Mindestwerte angeben, aber für Allergene in Nahrungsmitteln traut sich offensichtlich keiner.

Die Nahrungsmittelindustrie hat sogar das Wunschdenken der Konsumenten „ewig zu leben“ aufgenommen und versuchte aus Nahrungsmitteln quasi Medikamente zu machen. Milch wurde zum Medikament für Knochen, und Joghurts stärkten das Immunsystem. Diese sogenannten Health Claims wurden durch die EU verboten, ausser man konnte sie tatsächlich belegen. Seither sind die Joghurts nur noch gut und tun gut, was in Ordnung ist. Nur in der Schweiz, wo sonst EU-Gesetze rasch übernommen werden, dürfen die Joghurts noch weiterhin das Immunsystem stärken, was wissenschaftlich unmöglich und zudem ein völliger Blödsinn ist. Sogar ich muss somit eingestehen, dass die EU für einmal recht hat: Essen soll kein Medikament sein.

Beda Stadler ist Biologe, emerierter Professor und ehemaliger Direktor des Instituts für Immunologie der Universität Bern. Er betreibt Grundlagenforschung im Gebiet der Allergologie und Autoimmunität und angewandte Forschung zur Herstellung von Antikörpern und Impfstoffen für die Therapie. In der Öffentlichkeit bekannt wurde er als Diskussionsteilnehmer und insbesondere mit seinen bissigen Kolumnen, in denen er meist zu medizinischen und gesundheits- und gesellschaftspolitischen Themen – etwa Alternativmedizin, Gentechnik und Impfung – Stellung bezieht. Seine provokativen Thesen, in der Titelformulierung oft ironisch zugespitzt, regen zum Nachdenken und Mitstreiten an.